– Peter Gross: Ohne Sprungtuch –

Wie schnell doch die Zeit vergeht. Am 15. Juni des vergangenen Jahres erreichte mich eine E‑Mail von Peter Gross mit der Anfrage, ob ich sein Buch Ohne Sprungtuch in meinem Blog vorstellen möchte. Als ehemaliger Patient mit psychischer Erkrankung und mehreren Klinikaufenthalten war es ihm ein großes Anliegen, seine Geschichte einer breiteren Leserschaft zugänglich zu machen.
Dankenswerterweise stellte mir die Pressestelle des Novum Verlags ein Rezensionsexemplar zur Verfügung. Nach vielen anderen Büchern, welche ich zu lesen hatte, meiner Wohlfühlstudio Yomavital Eröffnung und Erkrankung fand ich erst jetzt die Zeit, mich intensiv mit seinem Buch auseinanderzusetzen. Darin schildert Peter Gross offen seine schwierige Kindheit, seine psychischen Herausforderungen und den gemeinsamen Kampf mit seiner Partnerin. Nun kann ich meine Eindrücke teilen und diese Rezension veröffentlichen.
Buchinhalt von „Ohne Sprungtuch“
Buchtitel: Ohne Sprungtuch
Untertitel: Ich bat um Hilfe und landete ganz unten
Autor: Peter Gross
Genre: Psychologie, Lebenshilfe, Ratgeber,
Erscheinungsdatum: 13.06.2023
Bindung: Hardcover
Seiten: 114 Seiten
Handlichkeit: 12.7 x 0.80 x 20.32 cm
Lesespaß: kompakt und robust – ideal für unterwegs
Verlag: Novum
ISBN-13: 978-3991461579
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Klappentext (buch.yoga Version)
Peter Gross, geboren 1966, wuchs in einem Dorf mit rund 7.000 Einwohnern im Kanton Aargau auf. Nach dem Abschluss der Realschule begann er eine Ausbildung zum Bäcker und Konditor, musste diese jedoch aufgrund einer Mehlallergie vorzeitig beenden. Anschließend ließ er sich zum Postbeamten ausbilden.
Sein beruflicher Weg war von mehreren Rückschlägen begleitet, ebenso von psychischen Herausforderungen. Mehrfach wechselte er den Arbeitsplatz, war zeitweise eingeschränkt arbeitsfähig und auch unfreiwillig ohne Anstellung. Heute hat er in der Logistik eines medizinischen Zentrums eine neue berufliche Stabilität gefunden.
Peter Gross lebt mit seiner Lebensgefährtin im Kanton Thurgau. In seiner Freizeit findet er Ausgleich beim Saxofonspielen, beim E‑Bike‑Fahren und beim Wandern. Nach vielen überwundenen Krisen prägt heute ein klares Lebensmotto seinen Alltag: „Genieße den Augenblick, denn er ist dein Leben.“
Meine Buchrezension
Peter Gross erzählt autobiografisch von einer Kindheit, die sein Selbstwertgefühl früh und gründlich zerbröselt – mit Nachwirkungen, die ihn noch lange begleiten.
Später kommt das Erwachsenenleben dazu, das bekanntlich selten fragt, ob man heute schon genug Stabilität im Fußgewölbe hat. Es folgt eine bewegte berufliche Laufbahn, eine Krise – und dann der Punkt, an dem Hilfe nicht wie eine ausgestreckte Hand wirkt, sondern eher wie: “Bitte ziehen Sie eine Nummer… ach, Sie sind dran? Leider heute nicht.” (Du spürst schon: Das ist kein Buch, das sich geschniegelt in die “Alles wird gut”-Ecke setzt.)
Ein zentraler Strang ist die Erfahrung mit Institutionen und dem Umgang mit psychischen Belastungen: Wie schnell man unten landen kann – und wie zäh der Weg zurück ist, wenn das System mehr Prüfungen als Mitgefühl verteilt.
Ton & Stil: ungeschönt – und gerade deshalb wirksam
Bereits bei den ersten Kapitel vom Buch „Ohne Sprungtuch“ fällt auf, dass es echt, ungeschönt, emotional geschrieben wurde.
Und genau so liest es sich: nicht geschniegelt literarisch, sondern direkt, nah, manchmal fast wie ein Protokoll dessen, was passiert, wenn man nicht nur “Stress” hat, sondern wenn die innere Statik bricht.
In einigen Kapiteln erkannte ich mich selbst wieder, in meiner Kindheit (auch ich litt unter einem lieblosen Vater, mein vaterlos aufwachsender Vater litt unter einer lieblosen Ziehmutter…) und in so manchen Textstellen nahe Verwandte.
Das kann unbequem sein – aber unbequem ist im Yoga ja auch oft der Moment, in dem man merkt: Ah. Da sitzt was. Nur ist das hier keine Hüftbeuger-Geschichte, sondern eine Lebensgeschichte.
Was kannst du dir bei diesem Buch erwarten?
Peter Gross schreibt im Buch, wie Absturz wirklich aussieht.
“Ganz unten” ist in diesem Buch nicht metaphorisch dekoriert, sondern konkret: Existenzangst, Ohnmacht, zermürbende Prozesse, Fremdbestimmung.
Das ist kein Unterhaltungselend, sondern ein Erfahrungsbericht, der aufrütteln will.
Es macht verständlich, warum “Reiß dich zusammen” kein Therapieplan ist
Der Autor verknüpft Kindheitsprägungen mit späteren Schwierigkeiten – nicht als Ausrede, sondern als Erklärung dafür, warum manche innere Muster so hartnäckig sind. Das ist eine der stillen Stärken: Du liest nicht nur was passiert, sondern spürst zunehmend warum es so laufen konnte.
Es hat diesen Trotz, der Mut macht (ohne Motivationskalender-Sticker)
Trotz allem: Es gibt Bewegung nach vorn – auch durch Unterstützung im Umfeld.
Und genau das wirkt: nicht “Du musst nur wollen!”, sondern “Du kannst fallen – und trotzdem wieder aufstehen. Langsam. Unschön. Aber echt.”
Humor mit Respekt
Das Thema ist schwer. Punkt.
Der Humor, der hier gut funktioniert, ist daher eher der von außen (beim Lesen): diese bitteren Momente, in denen man denkt: Das kann doch nicht wahr sein. Und dann lachst du kurz – nicht über den Menschen, sondern über die Absurdität mancher Abläufe.
Wenn ich’s in Yoga übersetzen darf: Das ist wie eine Praxis, bei der du merkst, dass die Matte rutscht, das Knie meckert und der Nachbar schnauft wie ein Laubbläser – und du trotzdem irgendwie im Raum bleibst. Nicht weil’s leicht ist. Sondern weil du lernst, nicht sofort auszusteigen.
Kleine Leseprobe
Was damals auch in manchen anderen Familien an der Tagesordnung war, dass man erzieherische Prinzipien handgreiflich durchsetzte, erreichte in unserer Familie ein wildes und unordentliches Ausmaß, das ich instinktiv als gefährlich und destruktiv wahrnahm.
Die kontrollierten Bestrafungsaktionen gingen immer öfter, rund fünfmal pro Woche, in willkürliche Gewalt über. Einmal, ich erinnere mich seltsamerweise daran, dass ich einen schwarzen Rollkragenpullover trug, hatte Mutter ein Essen gekocht, das wir Kinder liebten.
Omeletten. Vater mochte das Eiergericht nicht und geriet derart in Rage, dass er seinen gefüllten Teller an die Decke knallte und die Wohnung wutentbrannt verließ, während seine Frau Scherben und Nahrung zusammenwischte und danach eine umfassende Reinigungsaktion starten musste. Er schrie, tobte und randalierte immer öfter aus dem Nichts heraus und sein cholerisches Temperament richtete sich auch gegen Mutter, die darin irgendwann eine abstruse Logik erkannt haben muss.
Unzufriedenheit, Stress und andere Kalamitäten des täglichen Lebens führten bei Leo mit Sicherheit und in immer kürzeren Abständen zu einem unheilvollen Zustand. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ein Detail, eine Winzigkeit, eine Unwichtigkeit einen gewaltigen Ausbruch auslöste. Bei manchen Gelegenheiten versuchte Mutter, uns aus der Gefahrenzone zu retten und verbannte uns in die Kinderzimmer, worauf wir akustisch Zeugen wurden, wie Leo seine zierliche Frau attackierte und misshandelte. (Seite 14)
Für wen ist das Buch lesenswert?
Gute Wahl für dich, wenn…
- dich autobiografische, gesellschaftskritische Lebensberichte interessieren,
- du dich für die Realität psychischer Krisen (und die Reibung mit Behörden/Systemen) sensibilisieren willst,
- du Mutgeschichten magst, die nicht geschniegelt daherkommen.
Eher nicht ideal, wenn…
du einen “schönen” Schreibstil oder literarische Veredelung erwartest – das Buch ist mehr Erfahrung als Feinschliff.
Meine Abschlussbewertung
Kompliment an Peter für den Mut, so autobiografisch und ungeschönt seine Lebensgeschichte auf Papier zu bringen.
Seine psychische Erkrankung und seine Wiederauferstehung kann anderen Menschen Mut bringen. Sehr empfehlenswertes Buch auch an Menschen mit ähnlichen Problemen.
Meine achtsame Buchbewertung




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